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Was denkt die Branche über “Lokales im Internet”?

(Beitrag von Stefan Wild)

Wer wissen wollte, wie Lokaljournalisten über die Zukunft des Lokaljournalismus und der Lokalzeitung denken, der war vergangene Woche von Mittwoch bis Freitag in Dortmund beim 18. Forum Lokaljournalismus. Die Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit der WAZ-Mediengruppe (im Netz besser bekannt unter DerWesten) stand unter dem Motto “Mutig, multimedial, meinungsbildend – keine Demokratie ohne die lokale Tageszeitung”.

Als Blogger konnte ich kurzfristig noch eine Akkreditierung für die Einladungsveranstaltung bekommen und so am Abschlusstag die Podiumsdiskussion “Lokalzeitung 2020 – Leitmedium oder Auslaufmodell” mitverfolgen.

Eine Reihe Thesen und Zitate hat DerWesten zusammengestellt. Ich möchte hier aber weniger auf einzelne Aussagen als auf einen Gesamteindruck eingehen. Mir hat sich hier ein Bild gezeigt, das fast nur einen Schluss zulässt: lokale Berichterstattung – um nicht in die Diskussion “Bürgerjournalismus” hineingezogen zu werden – im Internet wird in Zukunft immer weniger mit Lokalzeitungen und den Unternehmen dahinter zu tun haben. Dafür scheinen die Köpfe der Entscheider zu wenig auf den bereits veränderten Umgang mit Informationen eingestellt. Es gelingt ihnen nicht, sich in diese andersdenkenden Leser hineinzuversetzen.

Zwar haben die Teilnehmer immer wieder betont, im Sinne der Veranstaltung bewusst die Diskussion anzuheizen. Zwar haben zum Schluss alle zur großen “Umarmung” (wie Sascha Lobo es nannte) angesetzt und ein aufeinander Zugehen von Lokalzeitungen, Wissenschaft und Onlinevertretern gefordert. Aber allein schon diese Trennung Lokalzeitung auf der einen und Online auf der anderen Seite zeigt doch, dass es hier eine Kluft gibt. Und um bei der Metapher zu bleiben, einzelne Hängebrücken wie Twitter-Newsdesks und Kommentarfunktion unter den Artikeln sind eher labil. Auch die Stimmung im Publikum zeigt ein gespaltenes Bild.

Das große Problem im Onlinebereich: Der Teufelskreis aus fehlender Qualität und fehlenden Einnahmen. Oft kommt das Erstellen der Web-Inhalte noch auf das Tagesgeschäft obendrauf. Und das bei den ohnehin überlasteten weil ausgedünnten Lokalredaktionen.

Es fehlt an Geschäftsmodellen. Dabei sollte man doch meinen, dass man – eine funktionierende Vertriebs- und Buchungsmechanik vorausgesetzt – gerade im Lokalbereich besonders relevante Anzeigen bekommen sollte.

Die Probe aufs Exempel: DerWesten, Dortmund, Lokalsport. Einzige sichtbaren Anzeigen ohne Scrollen sind einmal “boot, Düsseldorf” im Querformat und einmal “boot, Düsseldorf” senkrecht. Dann kommen mit Glück (mehrmaliges Neuladen) rechts “Aktuelle Prospekte aus Dortmund” eingebettet von kaufDA. Dann ein kostenloses Girokonto, eine Partnerbörse und Werbung für Spenden. Nach ca. 5.000 Pixeln dann – welch’ Ironie – Google AdSense mit den ersten relevanten Anzeigen. Wir erinnern uns: Dortmund, Lokalsport. Hier werden mir jetzt u.a. Tickets, Reisepakete und Fanartikel für den BvB angeboten. Und selbst das finde ich nicht besonders gelungen.

Da steckt wesentlich mehr Potential drin. Aber wenn es auch nach Millioneninvestitionen mit etablierten Vertriebsteams nicht gelingt, dieses Potential auszuschöpfen, dann sehe ich für die Zukunft der lokalen online Berichterstattung eher kleine, flexibel und anders denkende Unternehmen. Die können diesen Markt erfolgreich erobern und damit auch die finanzielle Basis für hochwertige, aufwändige Inhalte schaffen. Völlig gleich, ob diese Inhalte dann z.B. durch online Gespräche “nach oben gespült” und von einem Journalisten aufbereitet oder auf dem Weg der “herkömmlichen Recherche” ins Netz gestellt und dann im Dialog mit den Lesern aktualisiert und ergänzt wird. Und unabhängig davon, ob diese Inhalte dann von einem ausgebildeten Profi stammen oder einem engagierten User, wird letztlich die Qualität jeder Leser für sich selbst bewerten.

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Der Beitrag wurde am Tuesday, den 2. February 2010 um 16:15 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemeines abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

30 Reaktionen zu “Was denkt die Branche über “Lokales im Internet”?”

  1. [...] Leitmedium oder Auslaufmodell” am vergangenen Freitag auf dem Forum Lokaljournalismus habe ich auf dem Buzzriders Blog zusammengefasst. Geschrieben in Buzzriders | Tags: buzzriders, lokaljournalismus | Keine [...]

  2. Alf says:

    Es wird mit Sicherheit nur noch einige Jahre dauern und die Stammleser (meist ältere) werden nicht mehr sein und die jetzt Online sind werden auch in ein paar Jahren immernoch Online sein, so dass sich ein neuer Markt bildet der auf dem gesamten Altersbereich fokusiert ist. Wenn die großen Firmen wie Stern, Bild, Fokus etc. nicht Online sind dann werden sie untergehen und durch neue Firmen die Online Redaktion betreiben ersetzt. So sieht die Realität aus und wer das nicht versteht wird nicht mithalten können.

  3. [...] Medien: Was denkt die Branche über “Lokales im Internet”? (BUZZriders Blog) – Stefan Wild besuchte für die Buzzriders das Forum Lokaljournalismus in Dortmund [...]

  4. Kathrin says:

    >Es gelingt ihnen nicht, sich in diese andersdenkenden Leser hineinzuversetzen.

    Ich glaube, dass dies das geringste Problem ist. Das wirkliche Problem ist tatsächlich das (noch) nicht exitierende Monetarisierungskonzept – falls man mit bezahlten Redakteuren arbeitet.
    Setzt man hingegen auf “User generated Content”, dürfte dies erfarungsgemäß nur ein kurzweiliges Strohfeuer sein: ziemlich schnell haben die Beteiligten kaum noch Lust, lange Texte zu schreiben, zeitaufwändig Videos zu bearbeiten, etc. Ich persönlich sehe eine Zukunft dieses Modells lediglich in “Kurzform” – es darf für Mitwirkende langfristig nicht in un- oder weit unterbezahlter Arbeit ausarten.

  5. Stefan Wild says:

    Kathrin:

    Im Umkehrschluss sagst du aus, wenn es ein Monetarisierungskonzept gäbe, würden bezahlte Redakteure plötzlich anfangen, die Leser voll mit einzubeziehen und in den Dialog zu gehen, statt einfach nur ein Kommentarfeld unter einen fertigen Artikel zu setzen. Ich bin mir da nicht so sicher, ob das ein reines Zeit-/Geldproblem ist. Womit ich allerdings nicht sagen will, dass es nicht Redakteure gibt, die das durchaus könnten und wollten oder auch schon versucht haben.

    Aber meine ursprüngliche Aussage bezog sich ja auch auf die Entscheider. Und die, die ich bei der Diskussion kennengelernt habe, können sich allein deshalb schon nicht in diese neue Art Leser/User hineinversetzen, weil sie Informationen selbst noch nie auf diese Weise verarbeitet haben.

    Was deine Aussage zu user generated content angeht – auf welchen Kontext und vor allem auf welche Erfahrungen beziehst du das? Hast du da selbst direkte Erfahrungen mit gemacht? Würde mich brennend interessieren. Denn meiner Ansicht nach tun die (nichtbezahlten) Menschen das sehr wohl, teilweise mit enormem Zeitaufwand. YouTube z.B. besteht ja nicht nur aus Katzenvideos und aus dem TV “geklautem” Material. Es muss aber schon eine Motivation dahinterstecken. Und die muss im Grunde stärker sein als ein rein finanzieller Anreiz, also beispielsweise Ansehen und Lob.

  6. Kathrin says:

    @Stefan

    Bei YouTube betreiebn Menschen diesen Zeitaufwand für IHRE Videos und nicht für die (unbezahlt erstellten) Videos von Dritten. Zumindest meinen Beochachtungen nach.

    Du schreibst:
    ### Denn meiner Ansicht nach tun die (nichtbezahlten) Menschen das sehr wohl, teilweise mit enormem Zeitaufwand. ###

    Anfangs ja. Aber dieser Enthusiasmus wird täglich weniger, bishin zur endgültigen Einstellung. Zahlreiche, mit viel Trara und Aufmerksamkeit begleitete Projekte, die nach einer gewissen Zeit aufgrund mangelnden Interesses durch Leser und fehlenden Monetarisierungskonzeptes, eingestampft wurden, sind eindrucksvoller Beweis genug, dass dies so ist.
    Die Frage, warum dies so ist, beschäftigt mich auch. Eine mögliche Antwort: Wenn Menschen – unbezahlt – derartiges tun, erwarten sie (zumindest unbewusst)

    a. Öffentliche Wahrnehmung
    b. Daraus folgend, Anerkennung
    c. Relativ zeitnah eine Verbesseung ihrer Einkommenssituation
    d. Einen gewissen “sozialen Aufstieg” aufgrund von a, b und c

    Tritt relativ zeitnah kaum etwas von den genannten Punkten ein, fehlt die unmittelbare Belohnung für eine zeitaufwändige Tätigkeit, die dann schleichend eingestellt wird.
    Der Mensch ist – ob man dies wahrhaben will oder nicht – auch nur ein Pawlowscher Hund: Ohne direkter Belohnung, wird es da recht schwer…

  7. Stefan Wild says:

    Du sprichst etwas da etwas zentrales an – es ist wichtig, dass die Inhalte den Freiwilligen Urhebern zugeordnet werden bzw. bleiben (bei den Profis eine Selbstverständlichkeit), eben um öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung zu ermöglichen.

    Nur an einer Stelle sehe ich die Dinge anders – nämlich, wenn es ans Geld geht. Es gibt so viele geniale Communities zu den unterschiedlichsten Themen, wo unbezahlbare Mengen an Zeit reingesteckt werden. Das heißt für mich, nur wenn mit der Plattform auch Geld verdient wird, wollen die Inhalte Produzierenden ggf. auch etwas davon sehen. Ansonsten reicht oft schon der Austausch, die öffentliche Wahrnehmung und die Anerkennung aus.

    Wie man allerdings die passende Plattform schafft für eine Community, die lokale Berichterstattung zum Thema hat, das Problem ist sicher noch nicht “endgültig” gelöst. Insbesondere, wenn bezahlte Profis mit ins Spiel kommen.

    Mir fällt in dem Zusammenhang immer wieder ein Zitat von Sandra Daßler (Tagesspiegel, Berlin) von der Veranstaltung ein: “Es ist ja nicht so, dass wir das nicht schon machen. [...] Wir bedienen uns da bei den Lesern.” Ich finde, das fasst den Kern unserer Diskussion hier ganz gut zusammen. Denn dieser kleine Satz zeigt, wie weit es offensichtlich beim aktuellen Stand der Versuche mit der Anerkennung ist…

  8. Ecki says:

    @Kathrin

    100%ige Zustimmung. Es ist ALLES im Leben immer ein Geben und Nehmen. Kurzfristig mag es sein, dass sich auch aufgrund des Medientraras für eine neue Plattform (buzzriders) “Lokalredakteure” finden, die Content (Text + Multimedia) kostenlos generieren. Eine langfristige Bindung funktioniert so aber nicht. Die Leute, die jeden Tag bzw. Woche viele Stunden Arbeit investieren, erwarten dafür selbstverständlich eine Entlohnung – wie auch immer die aussehen soll.

    Es kommen dann immer die Argumente vom Mozilla-, TYPO3- oder auch anderen Open Source Projekten, an denen in der Tat sehr viele Menschen sehr gute Arbeit für “Lau” leisten. Buzzriders wird jedoch (meiner Meinung nach) nur funktionieren, wenn es breit aufgestellt ist – es geht hier nicht darum, einige wenige “Experten” zu motivieren sondern viele viele 100 / 1000 / 10.000 User, welche die Plattform regelmäßig mit Content füttern.

    Von daher bin ich dem Projekt gegenüber sehr skeptisch eingestellt – hoffentlich irre ich mich ;-)

  9. Stefan Wild says:

    @Ecki

    Wir haben schon beim 2. Buzzcamp (beim 1. war ich noch nicht dabei) verschiedene Ideen diskutiert, wie diese Entlohnung bei Buzzriders aussehen könnte. Denn es geht ja auch darum, uns nicht bei den Freiwilligen einfach zu “bedienen”, sondern gerade die auf die eine oder andere Weise am (erhofften) Erfolg teilhaben zu lassen. Und das muss natürlich eine Form bekommen, die bestehende und neue User dazu motiviert, sich weiter einzubringen.

    In meinen Augen schließt sich dieses Konzept und die Idee, dass bezahlte Redakteure das ganze begleiten und aufbereiten (und kontinuierlich das Quentchen mehr Aufwand und handwerkliche reinstecken, das nur möglich ist, wenn man das (haupt)beruflich macht), aber nicht einseitig, sondern mit der nötigen Wertschätzung, Erwähnung, Anerkennung und auch Belohnung. Sei es monetär oder durch ein Wertesystem innerhalb der Plattform, um nur zwei der diskutierte Beispiele zu nennen.

  10. Kathrin says:

    @Stefan

    >eben um öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung zu ermöglichen.

    Es ist in der Realität gar nicht machbar. Beispiel: Ich bin ein kleiner freiwilliger Reporter aus Usingen und berichte über lokale Ereignisse. Das Feuerwehrfest, die Kirmes, Renovierungspläne der Gemeinde für das Schwimmbad. Ich mache mir richtig Mühe, weil mich die Themen selbst betreffen. Wie viele Klicks (um nur bei der öffentlichen Wahrnehmung als Anerkennungsmerkmal zu bleiben) kann man bei derart unspektakulären Themen täglich erwarten? 20, 50, maximal 100?
    Und dafür habe ich das marode Schwimmbad gefilmt, Bürger vors Mikrophon geholt, den Film (aus meiner Sicht als Amateur) aufwändig aufbereitet, Fotos gemacht, Texte geschrieben, etc. Aus meiner bescheidenen Sicht ist es so: Man kann es mit Menschen schaffen, die in der Thematik ihrer Berichterstattung VOLLENDS aufgehen – dann ist nämlich die Berichterstattung nur Mittel zum Zweck und die “Belohnung” durch öffentliche Wahrnehmung, Geld, etc. völlig sekundär.
    Schreibe ich des Schreibens willen, würde mir ziemlich schnell der Enthusiamus ausgehen. Fazit aus meiner Sicht: Findet man leidenschaftliche und in einer bestimmten Materie engagierte Nischenexperten, wird es was mit der Berichterstattung, wobei hier die handwerklichen Fähigkeiten (Schreiben, Filmen, etc.) sicherlich gewöhnungsbedürftig sein können…Aber sie sind wenigstens authentisch…

    @Ecki

    Keine Ahnung, wie dieser Ritt mit Buzzriders ausgeht. Aus meiner Sicht ist es mindestens ein – von der menschlichen Seite her – äusserst interessantes Experiment.

  11. Ecki says:

    @Stefan

    es wäre ja klasse, wenn sich genug Menschen finden würde, die für “Ruhm (nicht Rum) und Ehre” -> internes Bewertunssystem <- bereit wären, Content zu generieren.

    Denn bei dem von Kathrin sehr schön skizzierten Beispiel des freiwilligen Reporters von Usingen ist doch klar, dass der aufwendig erstellte Bericht (Text + Video) lediglich ein paar Euro Werbegeld (Google Adsense oder was auch immer) generiert. Das würde dann einen Stundenlohn von max 0,2 EUR entsprechen.

    Kann ich davon leben oder meine Miete bezahlen? Bzw. motiviert es mich, in den Job über einen längeren Zeitraum Energie und Zeit zu investieren? … wohl eher nicht.

  12. Stefan Wild says:

    @Ecki

    Solche Menschen wird es (auch in Buzzriders) höchstwahrscheinlich nicht für jede Straße in jedem Dorf geben. Aber ich denke schon, dass es funktionierende Kombinationen aus lokalen, bezahlten Redakteuren und hyperlokalen, unbezahlten Freiwilligen gibt, die GEMEINSAM so interessante Inhalte – hierbei ist der Kontext wichtig, Oma Erna’s 85. Geburtstag kann für die 5, 20 oder 100 eben schon interessant sein – schaffen können, dass dabei im Ganzen wiederum genug Einnahmen (auch, aber nicht zwingend nur aus Werbung) und Aufmerksamkeit bei herumkommen, um das System aufrecht zu erhalten.

    Die Schwierigkeiten, die die Lokalzeitungen derzeit haben, spielen da natürlich auch eine Rolle. Da sind riesige Kostenapparate, die aktuell offensichtlich kaum finanzierbar sind. Deshalb werden Lokalredaktionen ausgedünnt oder ganz aufgelöst. Das Resultat sind immer weniger lokale Berichterstattung (hier könnte also der Bedarf nach Alternativen wachsen, das hat schon in anderen Bereichen freiwillige Initiativen hervorgebracht) und leider auch immer mehr Redakteure ohne Job, die aber dafür vielleicht auch bereit sind, andere Risiken einzugehen und zu experimentieren.

  13. Matthias says:

    Habe mich hier gerade herverirrt und muß sagen: ich bin beeindruckt, wie hier Menschen total ernsthaft über dieses Konzept diskutieren.

    Und ich verstehe es nicht.

    Hey Leute, das kann und wird doch niemals funktionieren. Das Konzept hat so viele Denkfehler, ich weiß ja gar nicht wo ich da anfangen soll, das kann ich hier ja gar nicht alles reinschreiben.

    Bleiben wir nur kurz bei dem Punkt “wer macht mit und warum”. Dieses Geschwurbel von “monetär oder ein internes Wertesystem” hat Kathrin ja schon mal prima vom soziologendeutsch auf die konkrete Ebene gebracht. Und festgestellt: es funktioniert nicht.

    Wie man viele Menschen zum mitmachen bewegt, da gibt es natürlich ein weltweites Vorbild: Wikipedia. Da fließt auch kein Geld, und vermutlich mehrere hunderttausend Menschen machen mit. Das hat viele Gründe, ein ganz wichtiger ist aber: Wikipedia ist eine gemeinnützige Stiftung. Und es gibt überhaupt keine Werbeeinnahmen. Sicher könnte Wikipedia heute mit Google Adsense mehr Geld einnehmen als sie durch Spenden schaffen, aber die wissen genau warum sie das nicht tun. Dann würde die Motivation da mitzumachen sicher sinken.

    Irgend eine krude Kombination aus “die einen kriegen Geld weil professionell”, die anderen nicht, die schreiben über Oma Ernas Geburtstag… es ist im Grunde egal wie ihr das dreht und wendet: es wird nicht funktionieren. Wie denn auch?

    Aber nehmen wir mal an es funktioniert – dann kommt Problemchen Nr.2: Um in Wikipedia einen guten Artikel über Herzchirurgie zu haben in englischer Sprache, benötigt man genau 1 Herzchirurg, der sich die Mühe macht ihn zu schreiben. Weltweit. Ziemlich große Zielgruppe, von denen nur einer Lust auf das Projekt haben muss.

    Für Oma Ernas Geburtstag sieht das etwas anders aus, ebenfalls fürs Feuerwehr-Fest “Wassermarsch” in Oer-Erkenschwick.

    Nächstes Problem, nochmal zur Motivation: den einen Artikel über Herzchirurgie bei Wikipedia maßgeblich mitbestimmt zu haben, könnte eine starke (intrinsische) Motivation sein.

    Bei Oma Ernas 74. Geburtstag wirds da schon schnell ganz dünn.

    Das führt zum dahinterliegenden Hauptproblem: der Grund warum es sowenig Lokales im Netz gibt, hat doch schlicht auch damit zu tun, dass es letztlich – im übertragenen und wörtlichen Sinne – eben oft nichts Weltbewegendes ist. Entweder man ist unmittelbar dabei – wenn es die eigene Oma Erna oder der eigene Feuerwehrverein ist – oder eben nicht. Dann ist aber das Interesse sich darüber zu informieren doch auch sehr beschränkt.

    Kurz: das kann nie funktionieren. Das wird auch den Machern inzwischen dämmern, deshalb geht es auch so langsam bzw. gar nicht vorwärts.

    Aber ab und zu findet sich wieder ein neuer naiver Idealist, der ein bisschen träumen darf und hier Artikel schreibt.

    My 2 Cents,

    Matthias

  14. Stefan Wild says:

    @Matthias

    Dass du den Eindruck hast, es geht langsam bzw. gar nicht vorwärts – kann ich verstehen, man sieht ja auch öffentlich nichts außer den Postings hier.

    Aber zu deinen Argumenten: Was du schreibst, hat mitunter durchaus seine Richtigkeit. Aber das gilt vor allem dann, wenn man noch mehr von dem tut, was bisher schon nicht funktioniert hat. Schon klar, dass man hier mit klassischer Werbung (auch relevanter) neben lokaler Berichterstattung allein kein Redaktionsteam in jedem Dorf finanzieren kann. Es gibt aber auch neben Google AdSense noch Möglichkeiten, Einnahmen zu generieren. Ich gehe davon aus, dass die Menschen, die bisher insgesamt $155 Mio in Twitter gesteckt haben, das nicht aus naivem Idealismus heraus getan haben. Viel eher glaube ich, dass diese Menschen davon überzeugt sind, dass Twitter in Zukunft noch mehr Finanzierungskonzepte zeigen wird, als z.B. die ca. $25 Mio, die durch die Deals mit Bing und Google eingenommen wurden. Nur ein Beispiel für andere Arten der Monetarisierung.

    Thema Motivation: Zum Glück brauchen wir ja keine Herzchirurgen, um über Oma Ernas Geburtstag oder das Feuerwehr-Fest “Wassermarsch” in Oer-Erkenschwick (genial ;) zu schreiben. Sondern “nur” so Menschen wie die – um mal zurück auf den Ursprungspost und damit zum Lokalsportbeispiel zu kommen – die (nicht gemeinnützige) Sites wie http://www.fussball-passau.de/ oder http://www.hartplatzhelden.de/ mit Inhalt füllen. Und letztere ist immerhin erfolgreich (im Sinne von Bekanntheit und Menge der Inhalte) genug, dass der Württembergische Fußballverband (bisher erfolgreich) auf Unterlassung geklagt hat.

    Anderes Beispiel: Wenn der Webmaster des Handballvereins aus meinem 30.000 Einwohner Heimatort die Fotos vom Jugendspiel auf die Website stellt, hat er da in den ersten Stunden 1.500 Seitenzugriffe drauf. Findet der super und macht auch beim nächsten Spiel wieder Fotos. Ganz ohne Geld.

    Und jetzt mal angenommen, man findet einen Weg, die gesammelten Seitenabrufe für den Lokalsport eines Kreises, wo es womöglich gar keine Lokalzeitung (mehr) gibt, über ein anderes Konzept als Google AdSense und SkyScraper Banner zu kleinem Geld zu machen. Dann schafft es vielleicht sogar ein Redakteur noch zusätzlich etwas zu den zwei interessantesten Berichten zu schreiben, darauf zu verlinken und den Urhebern derselben als Motivation die gesponserte HD Pocket Cam für die nächste Woche in die Hand zu drücken.

    So furchtbar abwegig finde ich es auch nicht, dass dann die “Berichterstatter” aus verschiedenen Kreisen – ein lokales Angebot für viele Orte vorausgesetzt – sich ähnlich einer klassischen Community (Forum) untereinander austauschen, wie sie bessere Videos hinbekommen, welche Software sie dafür benutzen und überhaupt.

    Das soll hier kein fertiges Konzept für lokale Berichterstattung in Buzzriders darstellen, sondern ein paar diskutierbare Denkanstöße, warum es bisher für Lokalzeitungen im Netz nicht klappt und wie es mit einigem Umdenken beispielhaft (Videos zum Lokalsport sind ja nur ein einzelner spezieller Fall) aussehen könnte, insbesondere wenn der akute Bedarf nach Alternativen mal wächst.

  15. Matthias says:

    Stefan, auf der einen Seite gefällt es mir, wie du auf meinen -absichtlich provozierenden – Post sachlich antwortest. Andererseits: merkst du denn nicht, wie irre dünn deine Argumente sind?

    Im einzelnen:

    - Mag sein dass Venture-Capital-Firmen in Twitter viel Geld gesteckt haben. Insgesamt hat die VC-Branche mit WEB 2.0 – Investments aber eine Menge Geld verloren. Dass einzelne Projekte aus dem Valley trotz unklarem Geschäftsmodell ne Menge Kapital haben – was willst du daraus ableiten? Genauso gut könntest du sagen, dass auch VC-Firmen in Casinos in Las Vegas oder Bauprojekte in Dubai Milliarden investiert haben, und deshalb die Immoblienkrise weltweit ja bestimmt bald vorrüber ist – denn so naiv können die ja nicht gewesen sein. Schließlich hatten die mehr Geld als du und ich zusammen.

    - Dein schönes Beispiel mit dem Webmaster deines Handball-Vereins ist ja eigentlich ein Gegenargument für euer Projekt. Klar identifiziert sich der Webmaster des Handballvereins mit seiner Vereinsseite, die er liebevoll nach seinem Können gestaltet hat. Da lädt er seine Fotos hoch. Das findet doch täglich überall in Deutschland statt. Nur halt nicht auf einer zentralen Plattform. Erst auf dieser zentralen Plattform treten dann die ganzen Organisations- und Finanzierungsprobleme auf. Deshalb gibt es die auch nicht. Wozu auch?

    - Bleibt das Beispiel mit fussball-passau.de: keine Frage, dass irgendwo lokal beschränkt solche engagierten Projekte funktionieren. Da willst du ja aber nicht mitmachen. Du willst ein „next big thing“ mit einem ehemaligen Blogger aus dem Hintertaunus aufziehen und ein ganz großes Rad drehen.

    Halten wir einfach fest, welche kritischen Erfolgsfaktoren das Projekt hat:

    a) mehrere tausend (!) freiwillige oder symbolisch bezahlte Helfer, die

    b) gleichverteilt über Deutschland sein müssen, die sich zeitnah ständig

    c) abstimmen müssen (du machst Oma Erna, ich mach die Story mit Oma Erika)

    d) um Inhalte herzustellen die eher geringe Relevanz haben (kein Krieg und Frieden),

    e) die auch noch zeitlich begrenzt interessant sind (keine Herzchirurgie sondern Feuerwehrfeste)

    f) auf einer Plattform die technisch komplex zu entwickeln ist

    g) und über Werbeformen zu finanzieren sein wird, die noch erfunden werden müssen

    h) und das auch noch auf der unsäglichen Domain “buzzriders.com”, die eher nach internationalem Promiklatsch klingt (Haste schon die Fotos von Oma Erika auf bassreiders-punkt-komm gesehen?)

    Tja, da kann ich nur sagen

    Toi, Toi, Toi!

    Nix für ungut,

    Matthias

  16. Stefan Wild says:

    Matthias, es scheint mir, du vermutest hinter meinen Argumenten eine falsche Zielrichtung: Es geht mir hier nicht darum, the next big thing darzustellen. Es geht mir vielmehr darum, mit welchen Konzepten man *existierende* Bedürfnisse und Tätigkeiten in eine neue Plattform ziehen könnte, da die alten Plattformen zunehmend wegbrechen bzw. schon ersetzt werden.

    Konkret:

    Beispiel “mein” Handball-Verein. Sicher ist das schön, sich so eine Seite zurecht zu fummeln. Aber das hat der Webmaster inzwischen schon in andere Hände gegeben und konzentriert sich mehr auf den Inhalt. Mit dem Beispiel wollte ich auch vielmehr zeigen, dass es sich auf (hyper-)lokaler Ebene mit der Relevanz ganz anders verhält als auf Ebene einer gesamten Sprache (Stichwort “Herzchirurgie”). Wir halten aber fest – hier passiert etwas “überall in Deutschland”, nämlich ein Freiwilliger stellt nur für die Anerkennung Inhalte auf EINE Plattform, die fast ausschließlich lokale Relevanz haben, aber durchaus auch im Lokaljournalismus aufgenommen werden.

    Beispiel fussball-passau.de. Das funktioniert also schonmal lokal beschränkt, es wird also genutzt und vor allem auch befüllt. Die Frage ist: Kann man davon nicht lernen und es so oft lokal beschränkt wiederholen, bis man im Gesamten von einer flächenübergreifenden Plattform sprechen und dann wiederum als Betreiber der Plattform auch von der Skalierung profitieren kann?

    Du hast Recht, ich will nicht bei Fußball-Passau lokal beschränkt mitmachen. Mich interessiert Kreisklassen-Fußball in Passau nämlich nicht die Bohne. Aber für Beachvolleyball im Ruhrgebiet fänd’ ich so ein Ding praktisch – die technische Plattform dafür müsste aber erstmal jemand freiwillig von Null aus dem Boden stampfen. Und wenn’s das gleiche dann auch noch an meinem Urlaubsort gäbe und ich die passenden engagierten Menschen dazu über die gleiche Plattform finden kann, würde das für mich persönlich einen echten Nutzen darstellen.

    Und mal ehrlich, ein Blogger aus dem Hintertaunus scheint mir da ziemlich hilfreich, weil man annehmen könnte, dass er die beiden Welten, die hier zusammengeführt werden sollen, ganz gut aus eigener Erfahrung einschätzen kann. Nämlich das hyperlokale “aus’m Dorf im Hintertaunus” und das mit dem “Publizieren” in diesem unheimlichen neuen Medium, Internet ;))

    Also, nochmal: Wenn man voraussetzt, dass wir bei allen hier diskutierten Dingen von etwas sprechen, das jetzt schon – teilweise vereinzelt, teilweise in anderen Medien, teilweise in anderer Form – tausendfach überall (nicht nur) in Deutschland stattfindet, bewegen sich die von dir angeführten Erfolgsfaktoren a) bis e) doch auf eine ganz anderen Ebene. Nämlich nicht “Das muss erstmal passieren!” sondern “Was könnte Menschen dazu bewegen, das (lokal beschränkt) auf einer bestimmten (gemeinsamen) Plattform zu tun)?”.

    Damit sind diese fünf Probleme zwar nicht automatisch gelöst, bekommen aber eine ganz andere – und ich finde, lösbare – Gestalt.

    Punkt f) – stimme ich zu. Technisch komplex, nicht mehr, nicht weniger.

    Punkt g) Jau, wir nähern uns dem Ursprungsthema ganz langsam noch einmal an. Aber wenn ich mir eine Plattform vorstelle, die die Punkte a) bis f) alle erfüllt, finde ich selbst das Problem nicht mehr unlösbar. Ich denke, dann werden diese noch zu erfindenden Finanzierungsformen (muss ja nicht ausschließlich Werbung sein, und nein, damit meine ich auch nicht automatisch eine Paywall) etwas offensichtlicher sein. Ist halt ein Henne-Ei Problem, das nicht per se gelöst ist, wenn eins von beidem dann mal erschaffen ist.

    Punkt h) Running Gag. Ignoriere ich einfach. Das ufert sonst aus und zerhaut uns unsere ganze schöne Diskussion. :)

    Und über VC brauchen wir uns wohl nicht streiten, von mir aus streiche es aus meinem Twitter Argument und lass nur die $25 Mio aus den Microsoft und Google Deals stehen. Was ich meine ist, dass es auch durchaus Beispiele gibt, in denen die meisten kein Refinanzierungskonzept sehen, wo aber nachher ein solches Momentum entstanden ist, dass sich vorher gar nicht vorstellbare Möglichkeiten zur Monetarisierung ergeben. Und dazwischen gibt es ja auch noch Graustufen…

  17. Stefan Wild says:

    Da ich gerade an anderer Stelle darüber gestolpert bin, hier noch ein interessanter Beitrag von Clay Shirky zum Thema, ob und warum Menschen Inhalte produzieren, ohne Gegenleistung zu fordern.

  18. Matthias says:

    Stefan, ich verstehe deine Argumente voll und ganz. Ich lege nur den Finger in die Wunde.

    Hier hast du den Knackpunkt selber formuliert:

    “Was könnte Menschen dazu bewegen, das (lokal beschränkt) auf einer bestimmten (gemeinsamen) Plattform zu tun)?”

    Ich sage: nichts (bzw. präziser: nicht genug so dass es funktionieren wird).

    Du sagst: …. Ja was eigentlich? Konkret ja eigentlich gar nichts, außer „das muss man mal sehen, das muss sich entwickeln, wenn man sich Twitter anschaut, yadaa, yadaa,…“

    Das ist die Wunde.

    Im Grunde ist das so wie wenn ich sage: „Man müsste doch mal ein Raumschiff bauen, das bis zum Pluto fliegt, in einer gemeinsamen Anstrengung. Wenn der nur nicht so verdammt weit weg wäre. Aber du müsste man mal konzeptionell drüber brainstormen. Wir machen mal einen Workshop – um das Projekt zu bewerben verkaufe ich schon mal meinen Twitteraccount“.

    Nochmal ein Ansatz um dir das Problem mit der Motivation zu verdeutlichen:

    Ich habe eine super Idee, ich möchte ein kostenloses Internetlexikon machen, um das Wissen der Menschheit jedem kostenlos zur Verfügung zu stellen. Von allen Internetnutzern können sich 0,0001% dafür begeistern da mitzumachen. Was jedem sofort einleuchtet: alleine kann er das nicht schaffen. Wenn also keine Konkurrenzplattformen zeitnah zu meiner starten, und ich noch unendlich viel Glück habe, kann ich es tatsächlich schaffen hier eine gewaltige Gemeinschaftsleistung auf einer Plattform zu bündeln. So geschehen im Netz.

    Jetzt kommen wir wieder zum Webmaster „deines“ Handballvereins. Der möchte nicht das Wissen der Menschheit…. – der möchte nur die Bilder des letzten Wochenendes vom Handball-Turnier im Internet veröffentlichen, damit die anderen Vereinsmitglieder sich die anschauen können.

    Dazu stehen ihm gefühlte 150 Möglichkeiten zur Verfügung. Von der simplen Mailingliste über das Facebook-Profil bis zur eigenen Vereinshomepage. Er sucht sich eine aus, nach welchen Kriterien auch immer.

    Jetzt bietest du ihm Möglichkeit 151 an. Die hat aus seiner Sicht und seiner Intention heraus aber nur keine bis minimale Vorteile, denn was interessieren ihn die Bilder der anderen 3874 Vereine auf der Plattform? Eben. (ja ja mag sein für manche Leser (!) wäre das sinnvoll – aber hier geht’s doch zunächst um die Motivation dessen der das einstellt). Dafür hat sie aber jede Menge Nachteile, wie z.B. dass weder ihm noch seinem Verein die Homepage gehört die er da bestücken soll, er sich an Regeln halten muss etc. etc.

    Und noch mal: sein Ziel – dass alle Leute die das interessiert diese Bilder im Netz finden – erreicht er mit den bisherigen 150 Möglichkeiten ja auch recht gut. Es gibt aus seiner Sicht also gar kein Problem. Eine Plattform die Millionen von (bundesweiten) Besuchern hat interessiert ihn doch gar nicht.

    Und genau dieses nicht vorhandene Problem versucht ihr jetzt mit buzzriders zu lösen. Denn alle lokalen Aktivitäten im Netz zu bündeln, davon profitieren weder die Inhalte-Einsteller noch die Leser besonders stark.

    Ach ja, einer profitiert davon natürlich: derjenige der die Plattform betreibt.

    Projekte mit einer solchen Nutzenverteilung funktionieren im Internet aber nicht.

  19. Ecki says:

    Ich glaube (leider) Matthias hat mit all seinen Argumenten recht. Der Betreuer des Handballvereins wird auch weiterhin seine Fotos auf der ihm liebgewonnenen Vereinswebsite veröffentlichen. Und Vereine, die noch nicht online sind, werden sich sehr genau überlegen, ob Sie Ihren Content auf einer “globalen” Website mit Buzzriders-Logo veröffentlichen werden oder ob Sie sich alternativ für eine der 150 anderen Möglichkeiten entscheiden.

    Seid nur vorsichtig, dass Ihr Euch da nicht in was verrennt. Das Ihr jetzt an einer “Monster-Software” werkelt und erst am Ende feststellt: Wow, wir haben super tolle Funktionalitäten – nur dummerweise will sie niemand nutzen.

    Von daher mein Rat: “Think big start small”. Geht so schnell wie möglich mit einem begrenzten Funktionsumfang online. Wenn Ihr (was ich leider nicht glaube) merkt, dass Ihr Eure Trafficziele erreicht, könnt Ihr die User immer noch mit neuen Funktionalitäten begeistern. Falls nicht, stampft das Projekt so schnell wie möglich ein. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende…

    Über ein spiegel.de-Bericht bin ich zufällig auf die Webiste chatroulette.com aufmerksam geworden. Die Idee, die da hinter steckt ist so super simpel und genial einfach – da muss man erst mal drauf kommen. Wenn ich das Projekt nun mit Eurem super komplexen deutschlandweiten Buzzrider-Projekt vergleiche, müsste ich als VCler ca. eine halbe Sekunde überlegen, in welche Idee, ich investiere ;-)

  20. Stefan Wild says:

    @Ecki: Danke für den gutgemeinten Rat. Nein, wir werden da kein Monster hinstellen und uns dann am Kopf kratzen, warum keiner kommt. Wir haben uns nur sehr viele Gedanken gemacht (und machen uns immer weiter), was so eine Plattform ausmachen ausmachen muss, wenn sie erfolgreich sein soll.

    Der Weg, den Robert für den Start des Projekts gewählt hat, ist sicher ungewöhnlich, zusammen mit seinen “PR-Stunts” mag das auch dem einen oder anderen sauer aufstoßen. Der Weg führt auch zu augenscheinlichen Nachteilen (keiner kann was sehen, man redet viel über ungelegte Eier), er hat aber auch unschätzbare Vorteile (man trifft nämlich auf die unterschiedlichsten Vorstellungen von Menschen, wie die oben beschriebene Lücke gefüllt werden könnte).

    @Matthias: Das Twitter Beispiel, das du so gern durch den Kakao ziehst ;-) habe ich in einem ganz anderen Kontext gebracht: Es entstehen manchmal Finanzierungskonzepte (abseits Werbeformen), die sich am Start (oder noch davor) einer Plattform niemand vorstellen kann.

    Wenn du genau liest, habe ich durchaus einige Use Cases – von denen es noch eine ganze Reihe mehr gibt, sinnige wie unsinnige – dargestellt. Manchmal sind es dabei die (emotionalen) Details, die den Ausschlag geben, nicht die technischen, nicht der Feature-Vergleich mit 150 Konkurrenzplattformen.

    Aber ich beanspruche auch gar nicht, hier mit und für Buzzriders die Lösung schlechthin im Kopf zu haben, was ihr dann bezweifeln müsstet. Vielmehr geht es mir – um einfach noch einmal ein bisschen in Richtung des Ausgangspostings zu gehen – darum, was da mit der Schließung von Lokalredaktionen für eine Lücke entsteht, warum es den Lokalzeitungen nicht gelingt, den offensichtlich anstehenden Wechsel (oder auch die Ausbreitung) auf das Medium Internet zu vollziehen, und wer (wenn nicht die Lokalzeitungen) in diesem Medium in die weiterhin klaffende Lücke reinstoßen könnte.

    Klar, ich habe dafür diese Plattform (das Buzzriders Blog) gewählt und da muss ich mir sicherlich auch Kritik gefallen lassen, weshalb das Buzzriders in deinem Kopf (keine Ahnung, ob ich an dem Bild mit meinen Argumenten überhaupt etwas verändert habe) nicht funktionieren kann und wird. Trotzdem fände ich es spannend, gerade von dir – oder auch von Ecki, der dir ja zustimmt – zu hören, was du dir in den nächsten Jahren an Stelle der heutigen Lokalzeitung vorstellst! Gibt es noch einen Bedarf für lokale Berichterstattung? Wird die im (mobilen?) Internet stattfinden oder auf Papier? Wenn Lokalzeitungen das nicht mehr leisten, werden die Menschen dann selbst etwas auf die Beine stellen? Ist ihnen dabei wichtig, dass sie selbst dafür die Plattform schaffen bzw. dass ein Non-Profit dahinter steckt?

    Das interessiert mich! Und neben dem latenten Basic-Bashing stecken ja einige Argumente in deinen Kommentaren, die zeigen, dass du dich wirklich mit dem Thema befasst. Vielleicht bekommen wir ja nochmal die Kurve, bevor ich mit einem Folgepost drohen muss ;-))

  21. Stefan Wild says:

    Sehr lesenswert ist übrigens dieses Interview von Marian Semm mit Hardy Prothmann vom heddesheimblog. Der beschreibt unter anderem sehr schön, dass er mit der Ausbreitung auf vier bis fünf Lokalblogs (und damit einem Einzugsgebiet von gerade einmal 35.000 Menschen) sehr gut die Technikkosten umlegen(!) und damit drei bis vier Mitarbeiter einstellen kann (einer davon für die Technik). Außerdem beschreibt er, wie das Projekt voraussichtlich allein von relevanter Werbung durch Kunden vor Ort leben und diese Mitarbeiter bezahlen kann.

    Dafür brauchte es allerdings erst einmal einen Journalisten, der sinnvoll mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten umgegangen ist, selbst die technischen Voraussetzungen geschaffen hat und dann auch noch auf dem schmalen Grat sich selbst um das Anzeigengeschäft gekümmert hat…

  22. Stefan, was HP da vorführt bzw. aufführt ist ein ziemlich heißer Stunt, der auch noch von ganz oben gefahren wird, Stichwort: (Ich bin die) Zukunft des Lokaljournalismus.

    Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann kommt man mit minimaler Erfahrung als Webpublizist ziemlich schnell ins Grübeln. Ich empfehle einen Taschenrechner und einen Blick auf angebliche Zugriffszahlen, steil angekündigte Personalkosten, die Werbepreise und nicht zuletzt auf die Tragfähigkeit des Konstruktes in Bezug auf die Basiszahl, nämlich die potenzielle Leserschaft.

    Speziell die verlangten Werbepreise in Kombination mit den angeblichen Zugriffszahlen zeigen mir sehr deutlich, warum HP keinen Zusammenhang zwischen diesen Größen herstellt.

    Zum Einstieg: http://markus-merz.posterous.c.....yprothmann

  23. Stefan Wild says:

    Markus, vielen Dank für die kritische Betrachtung. Unabhängig von den Zugriffszahlen – letztlich ist die lokale Reichweite für Anzeigenkunden ja ohnehin durch die Einwohner des Einzugsgebiets begrenzt – halte ich die Rechnungen aber auch für sehr optimistisch. Das heißt aber nicht zwingend, dass sie am Ende nicht doch aufgehen. Es bleibt also zu beobachten, was dabei herauskommt…

  24. In Bezug auf das mittlerweile doch schon als sehr verkopftes Projekt angesehene ‘Buzzriders’ sollte man aus meiner Sicht auf gar keinen Fall den Fehler machen derart hochgejazzte Luftschlösser zum Vergleich heranzuziehen!

    Auch inhaltlich läuft dort Einiges falsch und DAS sollte man sich auch auf jeden Fall mal ansehen, bevor man hoch gegriffene Beurteilungen wie “Sehr lesenswert … sehr schön … sehr gut” in die Welt setzt.

    Auffällig ist, dass bei den Hochjublern die Praktiker fehlen, die diese ganz spezielle Form der ‘Zukunft des Lokaljournalismus’ konkret auf Machbarkeit abklopfen können. Berater und Medienjournalisten sind nicht unbedingt die Macher, die schon einmal ein nachhaltiges Projekt im Lokalen hochgezogen haben!

  25. Stefan Wild says:

    Markus, du schreibst selbst: “Ich folge den marktschreierischen Aussagen des Hardy Prothmann gespannt und auch morbide fasziniert.”
    Mag sein, dass bei mir da beim ersten Lesen die kritische Haltung gefehlt hat. Aber lesenswert finde ich das Interview allemal, ebenso wie deine kritische Auseinandersetzung damit.

  26. Matthias says:

    Ich finde dieser heddenheimblog ist doch ein ganz nettes Projekt. Die Zahlenspielereien sind sicher Unsinn – mehr als 5-6000 Euro wird man mit so was pro Monat konstant kaum einnehmen können – aber immerhin. Dass solche Projekte von Leuten gemacht werden, die einen ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung haben, liegt in der Natur der Sache. Gilt auch für andere Projekte. So lange Hardy Prothmann nicht seinen Twitteraccount verkaufen will, drücke ich ihm die Daumen ;)

    @Stefan: wegen Zukunft der Tageszeitung und was an ihre Stelle tritt usw.: Zunächst mal denke ich dass es auch in 5-10 Jahren noch genug gedruckte Zeitungen geben wird. Vermutlich werden die etwas teurer sein als heute, um die geringeren Anzeigenerlöse zu kompensieren.

    Und im Netz wird es vor allem eines geben: Vielfalt an Informationen und Plattformen. Denn eine klassische lokale Tageszeitung ist ja gar nicht „ein Produkt“, so wie eine Flasche Wasser. Sondern vielmehr ein Produkt-Bundle. Zahlreiche Informationen – vom Kinoprogramm bis zu den Öffnungszeiten des lokalen Schwimmbades wurden in eine bestimmte Form (ein Bündel toter Baum 5x pro Woche morgens im Briefkasten) gesteckt. Weil es ökonomisch sinnvoll war und kaum Alternativen gab, einzelne Informationen zu verteilen.

    Jetzt gibt es eine prima Infrastruktur zur Distribution von Informationen: das Internet!

    Folgende Informationen aus dem „Info-Bundle Tageszeitung“ sind online schon wesentlich besser abgebildet:

    - Stellenanzeigen
    - Öffnungszeiten öffentliche Einrichtungen
    - Kino/Fernsehprogramme
    - Kleinanzeigen (Ebay, Mobile etc.)
    - Vereinsnachrichten (über deren Webseiten)
    - Nachrichten Überregional / Weltweit

    Das ist schon mal ne Menge Nutzen, der ins Netz gewandert ist. Für den Rest werden sich auch Formen entwickeln. Aktuell scheint sich mit dem mobilen Internet – siehe Dienste wie Gowalla / Foursquare – etwas Richtung „lokale Empfehlungen / Was ist los am Wochenende“ zu entwickeln.

    Deshalb ist der Ansatz, im Netz eine Webseite zu machen, die wieder ein Info-Bundle zusammenschnürt, auch total hoffnungslos.

    Aber genug diskutiert: wir reden ja nicht darüber, welche der Weltreligionen am Ende recht behält. Deshalb kannst du ruhig anderer Meinung sein – die Zeit wird ja schlicht zeigen was passiert und ob buzzriders ein Erfolg wird.

    Mein Tipp an dich war ja nur: stecke nicht zuviel (unbezahlte) Zeit rein.

  27. Stefan Wild says:

    Matthias, Danke für den Input nochmal. Das ist in der Tat die Richtung, in die ich die Diskussion lenken wollte.

    In einer Sache stimme ich auch voll mit dir überein: Zeitungen sind es gewohnt ein Informations-Paket finanziert durch ein Anzeigen-Paket herauszugeben. Jetzt, wo einzelne Bruchstücke (Artikel) aufgerufen werden können, tun sie sich schwer, weil sie nicht die richtigen Mechanismen haben, diese Bruchstücke zu vermarkten.

    Der Schluss daraus muss allerdings meiner Ansicht nach nicht zwingend sein, in Zukunft und im Web grundsätzlich nur spezialisierte Bruchstücke anzubieten, und dann wieder lokal skalieren. Denn dann muss man für jede Plattform auch wieder ein eigenes Finanzierungskonzept haben.

    Parallel dazu könnte ich mir eben auch ein Medium vorstellen, das in mehrere Dimensionen skaliert – als lokale Anlaufstelle (für viele Lokalitäten) mit mehreren inhaltlichen Aspekten (die sich bei Bedarf auch schonmal gegenseitig finanzieren können).

    Was meine persönliche Situation angeht: Vielen Dank für den Tipp! Finde ich schön, dass du hier bewusst eine Seite eingenommen hast, u.a. auch vor dem Hintergrund, ich könnte mich in etwas verrennen (so habe ich es verstanden). Ich glaube aber, dass ich nach 12 Jahren Selbständigkeit ein recht gutes Auge dafür habe, was ich erwarten kann, aber was ich – ggf. auch auf anderer Ebene – gewinnen kann. Auch ich habe schon genug Blasen platzen gesehen, genug Mitbewerber wie auch “Partner” untergehen sehen, und auch genug eigene Projekte in den Sand gesetzt – kurz, ich kenne meine Risiken ;-)

  28. Matthias says:

    @Stefan: also ich hatte dich durch dein Foto eher auf Mitte/Ende 20 geschätzt – aber wenn du schon seit 12 Jahren selbständig bist (ich seit 6 Jahren), brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen ;)

    Und noch mal zum Bundling: Das Internet bricht eben überall das Bundling auf – siehe z.B. auch Musikindustrie, die natürlich viel lieber Musikbundles aka Alben verkauft hat, als jetzt nur noch einzelne Songs. Aber hat ja alles zwei Seiten: was schlecht ist für die Unternehmen, ist gut für uns Verbraucher.

    Und es ist eben ein Effekt der Marktwirtschaft, dass sich Unternehmen zuerst auf die Teile des Info-Bundles Tageszeitung gestürzt haben, wo am meisten Geld zu verdienen ist (Kleinanzeigen, Jobs, Automärkte).

    Und natürlich bleiben dann Teile übrig – Stichwort Komunalpolitik – wo mir im Moment keine Idee einfällt, wie dieser Teil profitorientiert von einem Unternehmen als Plattform betrieben werden könnte. Vielleicht geht’s ja als öffentliches Projekt oder Stiftungen als Träger. Wird sich irgendwann schon herauskristalisieren.

    Aber zuerst mal: danke für die nette Diskussion!

  29. Stefan Wild says:

    Matthias, deine Schätzung ist schon ganz richtig (28, um genau zu sein). Die 12 Jahre stimmen trotzdem (ging damals mit einigem Aufwand und einer besonderen Regelung durch das Amtsgericht). Und auch dir Danke für die Diskussion. Ich werde das Thema bei Gelegenheit hier wieder aufgreifen…

  30. [...] Die Ökonomie des Ortsblogs (Serie Lokalzeitung 2.0 – Folge 4). Zwar schon ein paar Tage alt, aber gleichwohl sehr spannend! Alle warten ja zur Zeit auf erfolgreiche Lokalblogs, die dem Ende der Lokalzeitung etwas entgegen setzen. Marian Semm zeigt auf, dass es sich tatsächlich auch finanziell lohnen kann – vielleicht nicht für Verlage, aber für Kleinunternehmen auf jeden Fall! (Was “die Branche” denkt, berichtet Stefan Wild auf Buzzriders. [...]

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